Benennung

Johanna Dombois

Datum der letzten Änderung

13.05.2022 10:56:39

©

2026

Werkstoff

Regie|>Oper|>Neues Musiktheater

Datum der letzten Ansicht

30.08.2026 06:57:49

Blatt

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Leseprobe:

Johanna Dombois: Vorhänge. Erschienen unter: Echte Schwellenkunst. In: Die Deutsche Bühne. 72. Jg., Heft 10, 2001, S. 22-23.

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Gehen wir, das zu prüfen, noch einmal zurück in den Zuschauerraum. Alle sind schon weg, und man ist allein in dieser rumorenden Stille, – ein so klammer wie köstlicher Moment für all die, die theatral denken und sehen können. Denn: man sieht nun nichts, aber doch sehr viel. Man sieht nämlich vor allem anderen – der automatisierten Blickrichtung des Theatergängers folgend – den Vorhang. Geschlossen, unbeleuchtet, staubig, dennoch stets, weil so rahmenfüllend, auch gravitätisch. Und mit ihm sieht man, dass das Bedürfnis des Sehens und des Gesehenwerdens elementar über einen Theatervorhang reglementiert wird. Ein Theatervorhang macht, dass man sich des Sehens bewusst wird, macht, dass wir im Theater mit einem zusätzlichen Augenlid versehen werden, welches sich öffnet und schließt im Rhythmus von Auf- und Abtritten. Man denkt sich, dass nicht nur das Schauspielen, sondern auch das Zuschauen zum Menschen gehört, und dass wie jedes Spiel auch das Theaterspiel von den Nichtspielern abgegrenzt sein will. Was eben in unserer Theaterkultur über den Vorhang geschieht, weshalb dieser nicht nur ein Stück schlappe Wand, sondern eine Chiffre für unser Theaterverständnis überhaupt ist. Bezeichnend, dass ein so kapitaler Theatermann wie Iffland etwa seine theatrale Initialvision einem Vorhang verdankte: »[...] das Hinaufrollen, das Verschwinden des großen Vorhangs dünkte mich [als Kind] wie Zauberei. [...] An jedem Fenstervorhang probierte ich zu Hause das Hinaufrauschen der Zauberdecke und das Herabsenken«.

Folglich ist es im Theater nicht damit getan, dass es den Vorhang gibt, denn die theatrale Wirklichkeit sieht so aus, dass jede Bühne eine Vielzahl von Vorhangsystemen besitzt, und dass alles durch eine eigene Dramaturgie zum Einsatz gebracht wird: Da gibt es Fall- und Zugvorhänge – zwei Schulen! Es gibt die deutsche, französische, italienische, griechische Raffung, die Kabuki- und Brechtgardine, die Bayreuther Linse, den Wolkenstor, den Portalschleier. Und fangen wir nicht an zu sprechen von all den Spielvorhängen – den Seitensoffiten, Mittelkurtinen, Hintergrundprospekten, dem Bühnenhimmel, der im Theater nicht oben, sondern hinten und ein Vorhang ist. Bleiben wir bei den theatertechnischen Bühnenaushängen, die in sich Schauspiel genug sind: Dann haben wir – gestaffelt hinter dem Eisernen Vorhang, der selbst zu einem Politikum geworden ist – den Ziervorhang, dahinter den Echo-, dann den Windschutzvorhang, dann die Deckwolke und manchmal an den Portalseiten die Harlekinmäntel. Und alles muss der Philosophie eines Hauses entsprechen. Der Entschluss zu einer Draperie oder einem straffen Schwarzvelour kann eine ideologische Entscheidung sein, Vorhänge machen Theaterprogramme, sehen wir auf Brecht, Stanislawski. Die frühen Wanderbühnen gar hatten den Vorhang bereits als Insigne des Theaterwesens, als erstes Schaustück und Werbetafel begriffen.

Wie man sieht, sieht man an einem Vorhang allein schon sehr viel. Und was da an Fallgeschwindigkeiten, an Projektionskünsten, Zugmechanismen und Faltenwürfen inszeniert, dirigiert, komponiert wird, beweist, dass ein Vorhang auch seine Auftritte hat. ...

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