Benennung

Johanna Dombois

Datum der letzten Änderung

13.05.2022 10:56:39

©

2026

Werkstoff

Regie|>Oper|>Neues Musiktheater

Datum der letzten Ansicht

29.08.2026 04:14:37

Blatt

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Leseprobe:

Johanna Dombois: [Dem Wiederabdruck folgend:] Applaus. In: Musik & Ästhetik. 14. Jg., Heft 56, Oktober 2010, S. 91-94.

Bei Hinrichtungen, so heißt es, sei früher applaudiert worden. Das erinnert ans Theater.1 Auch dort geht es um Schaulust als gesellschaftliches Ereignis, und problemlos könnte man von einem Opferritual sprechen, dessen Beisitzer sich immer genau in dem Augenblick dazu bekennen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, da man den eigenen Auftritt nahen fühlt: den gnaden- oder eben nicht gnadenspendenden Moment des Applauses. Zu applaudieren enthält scheint's etwas Animalisches. Die Ethnologen würden sagen, daß ein sublimierender Widersinn darin liegt, die Kriegs- oder Liebeslust – je nachdem – auf eine anatomische Arabeske zu reduzieren, die Saalschlacht im Smoking zu führen, das Liebeswerben im Sitzen. Applaus ist Jagd, aber mit bloßen Händen. Schon Montesquieu hatte darum in seinen ›Persischen Briefen‹ die Morgenländer ihr Befremden darüber äußern lassen, daß erwachsene Menschen der westlichen Hochkulturen zum Zeichen ihrer Zu- oder Ablehnung in die Hände klatschen. Applaus ist Masse und – allzumal wenn er rhythmisch wird – Macht zugleich. Insofern ist das archaische Moment in ihm nicht zu leugnen. Nicht nur sind die Hände selbst das älteste Arbeitsgerät des Menschen, im Kultus spielen sie eine eigene Rolle: als helfende, segnende, strafende Gewalt. Und so geht es im Theater munter urwüchsig, triebgemäß, blasphemisch zu, etwa wo dem Schönklang der Oper durch Schreien, Pfeifen, Füßetrampeln das Geräusch der Straße antwortet. Es ist eine Art rituelles Energieaustauschgesetz. Das Publikum entlädt, was es auf geheimnisvollem Weg von der Bühne empfangen hat. Applaudierend löst es den Schausteller von seiner Rolle. Der Lärm vertreibt die Geister der Maskerade. Die Kunst wird wieder Leben. Der archaische Sinn des Spendens, der zweifelsohne archaisch ist, gerinnt zu einem Formgesetz – mit dem Applaus läßt sich der Wechsel von einer Wirklichkeit in die andere delegieren. Wer da als Zuschauer meint, er finde im Theater keine Aufgabe mehr, der sollte wissen: Könige spenden Beifall, und die Stars werden vor der Magie des Applauses knieweich und letztlich zu dem, was sie historisch einmal waren, zu Dienern. Weshalb sie sich ja auch verbeugen.

Freilich ist einem der Applaus manchmal verdächtig. »Wenn ich viel Beifall erhalte, dann habe ich etwas falsch gemacht«, notierte Arnold Schönberg. Brecht liefert eine Erklärung: Applaus sei »lukullisch«, sagt er, anstatt das theatrale Erlebnis durch sich hindurch zu filtern, erlebe das Publikum nur noch sich selbst. Etwas Wahres mag daran sein. Das Parterre haushaltet heute nicht mehr mit seinen Spenden. Ovationen sind die Regel, gut plaziertes Pianissimo die Ausnahme. Es gibt da einen ungemütlichen Gleichklang im Applaus, ein Grüppchen-und-Rangweise, das an Applausmaschinen und Fahnenbeifall erinnert. Eine institutionalisierte Zufriedenheit schleicht sich ein auch da, wo man sich streitlustig gibt, eine höchst langweilige Einmütigkeit, und mit Regelmaß ist der Applaus ein bißchen zu spontan. Ja, es sind diese Blumensträuße, die man bei Premieren so oft im Parkett sieht, lange bevor der erste applauswürdige Ton erklungen ist, – diese Weihegaben, die gut gemeint sind, aber nur traurig stimmen, weil sie kein Hehl daraus machen, daß sie gar nicht mehr als Überraschung kommen können. Statt den Lorbeer für den aufzubewahren, der ihn sich erst noch verdienen soll, schmückt man sich selbst mit der Kenntnis des Eingeweihten, daß alles wunderbar enden wird. Applaus als Fest der Amateure. In Wahrheit aber findet eine Entzauberung des Theaters statt, wo das Publikum schon weiß, wie es alles findet. Heine: »Wollen keine Ovationen/ Von dem Publico auf Pump,/ Keine Vorschuß-Lorbeerkronen,/ Rühmten sich nicht keck und plump.« Richtig scheint also, wenn Georges Banu schreibt, daß Applaus wieder als Teil von »Rahmen, Vorhang, Rot und Gold«, will sagen als Teil eines traditionalistischen Theaterverständnisses begriffen wird. Man klatscht sich in den Reiz der Erinnerung, daß Theater einmal Ereignis war, und somit klatscht man auch, um sich selbst zu bestätigen, daß man noch da ist. Es gibt sogar Opern, in den das Klatschen Teil der Handlung ist – im ›Tannhäuser‹ etwa hören wir im 2. Akt beim Sängerwettstreit »lauten«, gar »tobenden Beifall« der Zuhörerschar oder in den ›Meistersingern‹, 2. Aufzug: »Das Volk bricht schnell und heftig in jubelnde Bewegung aus.« Was wird uns da gespiegelt? – Eine scheinfromme ›Volksgemeinschaft‹, die im Namen der Kunst die soziale Hinrichtung von Außenseitern vornimmt.

Nicht wenige Theaterreformer haben deshalb – das Manöver ist im Prinzip hinreißend – Abstand genommen vom Applaus, obschon er ein Zuckerbrot ist. Lieber wollte man keinen als einen falschen Applaus. ...

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1 Der vorliegende Text ist die überarbeitete und erweiterte Fassung eines Beitrags für Die Deutsche Bühne, dort erschienen im Jahr 2002 unter dem Titel ›Der Hände Arbeit‹.

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