Benennung

Johanna Dombois

Datum der letzten Änderung

13.05.2022 10:56:39

©

2026

Werkstoff

Regie|>Oper|>Neues Musiktheater

Datum der letzten Ansicht

29.08.2026 06:07:50

Blatt

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Leseprobe:

Johanna Dombois: Stumme Diener. Das Kostüm zwischen Verschwinden, Verfremdung und Entfremdung. In: Die Deutsche Bühne. 74. Jg., Heft 2, 2003, S. 30-31.

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Aber so sind wir zumindest beim postmodernen Kostüm angekommen, von dem Spötter meinen, es profitiere vom Sparzwang, weil es den Kostümfundus ohnehin nur als Versatzteillager aufbraucht. Der bewusste Widerspruch zwischen Schnitt und Stoff, Kleid und Bewegung, all die Gürtel auf nackter Haut, Schillerkragen mit Schlips, Plissees im Militärstoff, das sind indes Anachronismen, die das höchst reizvolle Spiel mit dem Wert von Kleidung spielen. Allerdings unterliegt auch dieses, wo der Wissensschatz der historischen Schnittkunde wegbricht, der Gefahr der Beliebigkeit, womit die soziologische Verfremdung des Kostüms in die Entfremdung entgleiten kann.

Diese Profanisierung fängt schlau der Versuch auf, das Alltagskleid als Kostüm zu behaupten (z. B. in Polleschs Soaps oder Castorfs ›Idiot‹, Berlin). Stefanie Carp schreibt über Anna Viebrock, dass diese Art Kostüme gerade den »beliebigen heutigen Menschen« abbilden sollen. Von der Produktionsseite her rückt damit der Einkauf an Stelle des Entwurfs. Die Kostüme werden nicht mehr vom individuellen Körper aus in den Stoff übersetzt, sondern aus dem Warenhaus für den Fundus dazu gekauft. Dass darin ein eruptiver Bedeutungswandel für das Biotop Kostümabteilung liegt, weil die Archivierung historischer Kenntnisse latent unterboten wird, ist klar. Auch der Schauwert des architektonisch durchformten Kostüms hat zu leiden. Vor allem aber gilt, dass das Konfektionskostüm, da es jetzt mit der Mode und dort natürlich kaum mit der Haute Couture kokettiert, sich der Produktion der Stange verschreibt. Womit es auch zur Schablone werden kann. Das ist ein Wagnis, hoch interessant wo es glückt. Aber oft bleiben doch seine Interpreten die Schwächeren.

Beachtenswert da, dass der Verschleiß ein Thema geworden ist. Überall sieht man verfranste Säume, zerrissene Knie, Wundflecken, Versehrtenmode. Eindeutig, dass das Kostüm nicht mehr stützt, sondern hängt – was nicht nur mit der Preisgabe des Unterkostüms, sondern mit einer ästhetischen Aussage zu tun hat. Freilich geht mit der Jogginghose ein Bewegungswissen verloren, das noch ein ›großes‹ Kostüm hervorreizte. Man muss nicht an die Magie des Kostüms glauben, um zu sehen, dass es dieser Tage seinen eigenen Exodus beschreibt. Selten gibt es noch einen Fall, wo ein Kostüm selbst eine tragende Rolle spielt. Daneben Auflösung wichtiger Fundusse, personelle Kürzung in den Werkstätten, Verniedlichung des Berufszweigs – kaum ein Kostümbildner dürfte von der Erfahrung verschont sein, dass man ihn als Underdog von der Bühne in die Schneiderei zurückgedrängt hat.

Fragen wir, warum man überhaupt »aufs Costüm studirte« (Goethe)? Wie hilft das Kostüm, den Menschen zu bestimmen? Abgrenzen sollte man sich in der Tat von der Idee der Kostümierung. Allzu oft wirkt ein Schauspieler ›angezogen‹, kostümiert, was Zeichen eines dürftigen Kostüms ist. Das Kleid passt nicht genau, nur ungefähr, und stellt eine beliebige Hülle dar. Das rechte Kostüm indes ist gar keine Hülle, es ist Substanz. Es die in Stoff geformte Statur eines Charakters. Wo also nicht absichtsvoll mit Anziehpuppen gespielt werden soll, wäre der Begriff ›Verkleidung‹ falsch, der der ›Entkleidung‹ richtiger.

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