BenennungJohanna Dombois |
Datum der letzten Änderung13.05.2022 10:56:39 |
© 2026 |
WerkstoffRegie|>Oper|>Neues Musiktheater |
Datum der letzten Ansicht29.08.2026 06:09:26 |
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Am Grab Jacques Offenbachs: »Was – den wollen Sie ausgraben? Nichts da – den mach' ich lebendig!« Dieses wunderbare Stückchen Satire, von Karl Kraus einst in Szene gesetzt, sagt wohl auch heute noch viel über Wesen und Werk jenes großen Operetten-Komponisten aus, dessen Todestag sich am 5. Oktober zum 125. Mal jährt. Denn Offenbach, den die Satire für tot erklären musste, um ihn hernach um so lebendiger zu machen, scheint in Wahrheit nie gestorben zu sein. Genauer gesagt, Jacques Offenbach ist so oft wiederbelebt worden, dass er sich schadlos gehalten zu haben scheint gegenüber dem Andrängen der Zeit, die vergeht. Sein ›Pariser Leben‹ war erst vor kurzem wieder zu sehen in Münster und Oberhausen und wird demnächst zu sehen sein am Staatstheater Karlsruhe; die ›Schöne Helena‹ kann man bald in Düsseldorf, Kassel und Nordhausen bewundern, die ›Großherzogin von Gerolstein‹ in Erfurt, ›Die Rheinnixen‹ in Cottbus und ›La Périchole‹ in Aachen; Braunschweig, Dortmund, Graz, Landshut, Wuppertal bringen ›Hoffmanns Erzählungen‹ und Essen, Frankfurt, Köln, Meiningen, Würzburg den ›Orpheus‹, Innsbruck gar den ›Robinson Crusoe‹, und das ist noch nicht alles. 1976 schrieb Maurice Tassart: »Just imagine that a topical music-hall show, launched in 1976, should still be wildly popular in 2085! Incredible isn't it? And yet, such has been the fate of ›La Vie parisienne‹.« Addiert man, was fehlt, so würde das Stück von heute ab – eingerechnet des einen Jahres, um das sich Tassart vertan hat – noch bis 2115 gespielt werden! Offenbach also überall! Die zeitliche und räumliche Gedrängtheit, die Karl Kraus als Stilmittel für die Operetten Offenbachs ausgemacht hat, scheint ebenso für dessen Schöpfer zu gelten. Und wenn Kraus auch meinte, dass die meisten noch »weiter [gehen] als ich. Denn sie erblicken schon darin, daß er [Offenbach] sich bei ihren Inszenierungen im Grab umdreht, ein Lebenszeichen« – »Es dreht sich alles und hernach/ Im Grab sogar der Offenbach« –, so ist Offenbach, dieser Jettatore, dem physiognomische Ähnlichkeit mit jenen Wiedergängern aus den Erzählungen E. T. A. Hoffmanns bescheinigt wurde, denen er selbst zur Unsterblichkeit verholfen hat – dieser Offenbach ist eben doch nicht unterzukriegen. Sollte es wahr sein, was Jakob Burckhardt annahm, dass nämlich unsere Kultur zu Renaissancen neige, so trifft dies allemal auf ihn zu. Kurz, was das Vergrabensein anlangt, so wird man für Offenbach mit den Worten seines Biographen Siegfried Kracauer subsumieren dürfen: »Es verkehrt sich das gewohnte Bild der Welt. Vieles, was unten zu sein scheint, befindet sich oben«.
Diese Verkehrung ist natürlich bereits Bestandteil der Offenbachiade. Das Leben steht bei Offenbach Kopf. Wenn eine große deutsche Tageszeitung die Situation des deutschen Fußballs neulich folgendermaßen kommentierte: »Was heute noch allzu sehr nach Operette klingt, kann morgen schon zarte Wirklichkeit sein«, so hat man entweder die Wirklichkeit oder die Operette verkannt (oder den deutschen Fußball, aber dafür sind wir hier nicht zuständig). Denn die Wirklichkeit, sie ist bei Offenbach selbstverständlich nicht das Gegenteil der Operette. Die Operette ist die Wirklichkeit, sie übertrifft diese sogar. Die erste Heldin der Offenbachschen Musiquettes, Hortense Schneider, hatte einen solchen Erfolg in Paris, dass es sie keine Mühe gekostet haben soll, während der Weltausstellung 1867 eines Tages in Kostüm und Maske beim Majestäten-Eingang vorzufahren – sie ruft der Wache zu: »Die Großherzogin von Gerolstein!« – man salutiert – die Pforte tut sich auf. Das ist die Grundlage Offenbachs. Es geht um seitenverkehrte Symmetrie, um das, was Volker Klotz eine »erheiternde Inversion« genannt hat. »Heilig, weil er so unheilig ist«, sagte Arthur Kahane dazu. »Seine Musik würde Tote wiederauferstehen lassen« (Francisque Sarcey). Wie »lacht da die Tragödie, und wie ernst nimmt sich die Komödie« (Oscar Bie). Und Nietzsche: Offenbach »erreicht [...] einen Zustand übermütigster Bouffonerie, aber in der Form des klassischen Geschmacks, absolut logisch.« Sprich absolut unlogisch. Karl Kraus fasst zusammen: Hier ist alles von »souveräner Planlosigkeit«. ...
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Bloß: Verstehen wir das heute überhaupt noch, diese Doppelzüngigkeit? Die Operette an sich ist vielen suspekt geworden, sie gilt als »historische Rumpelkammer«, wie Paul Bekker schon 1909 konstatierte.
Vielleicht aber gibt es doch einen Zugang, den jeder kennt und der das »anmutige Wegspülen aller logischen Bedenken« mit sich führt (Kraus). Schauen wir auf ›Hoffmanns Erzählungen‹, 1. Akt, 1. Szene. Es ist Nacht, Mondlicht, man sitzt in einer »Kneipe«. Plötzlich taucht ein Gesicht auf, frisch und glänzend. Das ist die Muse Hoffmanns, sein Daimonion, und der entsteigt heuer... einem Fass, ganz recht. Einsatz Gesang: die »Geister des Weines und des Bieres«/ »schäumt der Trunk im Glase, sind wir es!« Man will uns mitteilen, dass die ganze Welt ein Schanktisch und jedermann einer Zecher ›im Weinberg Gottes‹ ist. Der Gedanke ist so harmlos nicht, und tatsächlich gibt es kein Stück bei Offenbach, in dem nicht gebechert wird. Genever, Arrak, Punsch, Tokayer, Bier, Cognac, im ›Pariser Leben‹ kommen dazu Burgunder, Champagner, Bordeaux. »Wie sollen wir uns betrinken?« – Durch »alles zusammen!« »Lustig und toll/ saufet euch voll!« – so schließt der 1. Akt der ›Banditen‹. In der ›Périchole‹ wird das Trauungs- zum Suff- bzw. das Suff- zum Trauungsritual, der Alkohol hält die Geschichte zusammen. In der Grog-Episode der ›Grand-Duchesse‹ wird der Wein wortwörtlich zum entwaffnenden Wundermittel, vom Bacchanal im ›Orpheus‹ ganz zu schweigen.
Ein Resultat der Champagnerlaune scheint auch zu sein, dass sich die Geliebte Hoffmanns in dessen Erzählungen gleich zu drei Frauenfiguren vervielfacht. Man könnte meinen, Offenbach habe damit eine Parabel schaffen wollen für jene (wein)seligen Momente, in denen man mehr sieht als da ist. Oder ist es bloß ein Zufall, dass so vielen seiner Figuren Namen zugedacht sind, in denen eine Konsonantendopplung steckt? Il Signor Fagotto, der Räuberhauptmann Falsacappa und der Polizist Bramarbasso, der Maître Peronilla und der Graf Panatellas, General Bumm und Fürst Knippenhausen, Metella, Zanetta, Berginella, Dapertutto, Immortelle – nein, all das sind Ingredienzen einer Kunst, die darauf aus ist, durch kobolzartige Beschleunigung und doppelte Perspektivführung eine verdichtete Wirklichkeit zu erzeugen. Gewiss, für Moralisten oder Pietisten ist das nichts. »Der Pietist würde verlangen, dass man von Kleie und Wasser lebt«, sagt Béla Hamvas in seiner ›Philosophie des Weins‹. Aber »der Pietist darf mit Schonung nicht rechnen«.
Keinerlei Schonung, denn die Menge der Trinker und Getränke ergibt ein so starkes Gemisch bei Offenbach, dass der Verdacht naheliegt, es gehe nicht allein um den Suff. Kraus reißt den letzten Schleier weg: »Offenbach ist ein Rausch.« Und das ist nun sicher noch mal etwas ganz anderes. Denn spätestens hier, wo sich das ›Pariser Leben‹ vom Menuett zur rasenden Walzerorgie, der ›Orpheus‹ gar zum »Höllengalopp« steigert, wo sich durch den Strudel des »Tout tourne« nicht nur die Erde, sondern auch die Zimmer zu drehen beginnen, da dürfte die Erkenntnis Sinn machen, dass Offenbach sich losgerissen hat von allem was banal ist. ... ...
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