Benennung

Johanna Dombois

Datum der letzten Änderung

13.05.2022 10:56:39

©

2026

Werkstoff

Regie|>Oper|>Neues Musiktheater

Datum der letzten Ansicht

29.08.2026 04:15:46

Blatt

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Leseprobe:

Johanna Dombois: Ein Haus für alle Fälle. Das RADIALSYSTEM·V· am Berliner Spreeufer. In: Die Deutsche Bühne. 77. Jg., Heft 11, 2006, S. 32-34.

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RADIALSYSTEM nennt sich das neue »dynamische Kulturunternehmen«, und zwar in Anlehnung an den historischen Namen des alten Pumpwerks am Spreestrand, das als eines von zwölf Berliner Radialsystemen Ende des 19. Jahrhunderts auf Initiative von James Hobrecht und Rudolf Virchow erbaut wurde, um die Entwässerung der Großstadt zu gewährleisten. ›Radial‹ im eigentlichen bedeutet ›strahlig symmetrisch‹; Molekülanordnungen, Gassensysteme, Lehrmodell-Schemata, Koppeln und barocke Heckenlabyrinthe, all das sind ebenfalls radiale Systeme, ihr gemeinsames Merkmal ist die Kreismitte, von der aus etwas ab-, bzw. zu der etwas hinstrahlt. [Jochen] Sandig und [Folkert] Uhde, die begriffen haben, dass dieser Name Programm sein kann, haben es so formuliert: »Das RADIALSYSTEM wird Künstler wie Publikum in seinen Bann ziehen und weit über die Grenzen der Stadt hinaus seine Anziehungskraft entwickeln.« Gar nicht mehr so kryptisch klingt das, eher pragmatisch grundiert. »Seid radial«, kommentierte Sandig sich selbst am Eröffnungsabend. Wem das zu treuherzig klingt, muss wissen, dass dahinter beinharte Kalkulationen, kluge Netzwerkkompetenzen und ein haarscharf abgezirkeltes Finanzierungskonzept stehen.

Bis vor ein paar Jahren noch war das RADIALSYSTEM eine Kriegsruine, seit 1980 steht es unter Denkmalschutz, 2003 wurde die Immobilie von den Berliner Wasserbetrieben verkauft. Die Kosten für den Umbau hat seither die Bochumer ›Telamon Vermögensverwaltung OHG‹ übernommen, eine Zuwendung der Klassenlotterie brachte zusätzliche 1,2 Millionen Euro für Bühnen- und Veranstaltungstechnik, allfällige Ausgaben für den Innenausbau mussten die Mieter selbst erbringen. In anderen Worten: 2500 qm frei finanzierte Fläche samt Nutzungsvertrag, der auf zweimal 10 Jahre angelegt ist – das muss man als erstes wissen, um das Wunder zu enträtseln. Das RADIALSYSTEM bedeutet die bewusste Entkopplung vom staatlichen Subventionenmanagment. Zwar wird man durch geschicktes Taktieren und Kooperieren etwa mit der Staatsoper, dem Berliner Museenverbund und den Hochschulen indirekt vom Verteilersystem profitieren können. Doch der Gestus ist unmissverständlich, wird er auch noch so suggestiv vorgetragen. Sandig, vormals in leitender Funktion am Berliner Tacheles, den sophiensaelen, der Schaubühne am Lehniner Platz tätig und zusammen mit Sasha Waltz Gründer von Sasha Waltz & Guests, hat den Würgegriff des Fiskus mehr als einmal zu spüren bekommen und die desaströse Berliner Situation kürzlich »traumatisch« genannt. ...

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In toto: Man will kein zementierter Theaterbetrieb sein, sondern ein »internationales Kunsthaus«. Die Pressemitteilungen tönen von »flexibler Plattform« und »Schnittstelle für Kultur und Wirtschaft«, die eine »zukunftsweisende Allianz« vieler »unterschiedlicher Nutzer und Nutzungsformen« darstelle. Wenn also nicht hier, wo sonst sollte das eingelöst werden, was auf den Transparenten der Gewerkschaftler drüben auf der anderen Spreeseite in Form von Trutzbehauptungen gefordert wird: »Würde hat ihren Wert. Arbeit hat ihren Preis.« Es gibt nicht viele Orte, die diese neuralgischen Werte konzeptuell so stringent auf die Kunst und die Künstler beziehen.

Ein Haus für alle Fälle also. [Gerhard] Spangenberg, der als Initiator des RADIALSYSTEMS dessen Mehrdimensionalität von Anfang an forciert und nicht etwa nur nur nachträglich in die bestehenden Gemäuer hineingezimmert hat, zeigt, wie der Schulterschluss von Architektur und Kunst aussehen kann. Dem Torso des alten Pumpwerks wurden zwei imposante Proben- und Aufführungsräume mit flexibler Boden- und Tribünenkonstruktion intarsiert (600 qm für max. 800 Gäste ohne feste Bestuhlung/ 400 qm für max. 400 Gäste); diesem Kern angedockt ist ein sachlicher Neubau, in dem das Foyer, der Verwaltungstrakt, drei Proben- und Präsentationsstudios (200 bis 400 qm) untergebracht sind sowie eine Cafeteria, eine Loggia und eine Außenterrasse mit Bootsanleger. Und hat man im zeitgleich (wieder)eröffneten Festspielhaus Hellerau ausgerechnet die Sanierung jener Seitenflügel ausgespart, in denen die Räume für die Künstler untergebracht sind, so gehören die Künstlergarderoben des RADIALSYSTEMS sicher mit zum Besten, was dieses Haus zu bieten hat. Luftige Glaskaskaden, die über dem Fluss hängen und die all denen den nötigen Respekt zollen, die die Daseinsberechtigung des Hauses erwirtschaften müssen.

Das Patentrezept heißt »Offenheit«, welche architektonisch in Transparenz übersetzt wurde. Ausgehend vom leeren Raum sind alle Bereiche des RADIALSYSTEMS nutzungsspezifisch veränder- und einsetzbar. Wände gibt es nur aus statischen, nicht inhaltlichen Gründen. Einer der bemerkenswertesten Sätze besagt, dass das RADIALSYSTEM »die Nachhaltigkeit der materiellen und immateriellen Investitionen sichern« solle. Doch genau an diesem Punkt zeigt das RADIALSYSTEM eine offene Flanke, will sagen, es zeigt seine verwundbare Stelle und vielleicht auch eine Schwäche, die nicht trotz, sondern wegen der Sympathie für das Unternehmen eine Kritik erlauben muss.

De iure schließen sich Materielles und Immaterielles aus. Auf der einen Seite Pragmatismus, auf der anderen Idealismus – wer von einer »symbiotischen Verbindung« zwischen Kunst und Wirtschaft träumt, muss im Wachzustand zugeben, dass selbst eine freundliche Übernahme eine Übernahme bleibt. »Bestehende Strukturen«, heißt es beim RADIALSYSTEM, »werden nicht in Frage gestellt, sondern weiterentwickelt.« Das ist pure Akrobatik, und ähnlich wie die Hochseilnummer im Zirkus muss sie glücken, da sonst mehr verloren ginge als was je zu gewinnen anstand. Für den Moment beweist das RADIALSYSTEM, dass Kultursponsoring auch eine Form sein kann, wirtschaftlichen Erfolg als Verpflichtung gegenüber jener Gesellschaft zu begreifen, die ihn generiert hat. Doch ein Firmenevent ist textual etwas völlig anderes als eine Oper, hat andere Ziele und muss sie haben, bleibt aber darum aus Sicht der Kunst, die per definitionem nervös reagiert, um fortbestehen zu können, eine Konzession. Schöne Worte wie »Visionen«, »Fusionen«, »flexibel« und »dynamisch«, deren Staccato selbst schon einem Wirtschaftsjargon abgelauscht scheint, helfen nicht immer darüber hinweg. Auf die Frage, wo es ein Bier gibt, kommt am Eröffnungsabend die Antwort: »Suchen Sie, streunen Sie aus!« Gut, fein, wir verstehen. Dahinter ist die heilige Erregung der First Night zu spüren, auch die motivierte Schulung des Schließerpersonals. Aber doch klingt es so, als würde hier eine hart erkämpfte Lebenshaltung, die man im übrigen dem Publikum unterstellt nicht zu besitzen, aus Gründen des Merchandisings wie eine Tüte Chips an der Kinokasse verkauft. Das ist ein Wermutstropfen, so klein freilich, dass noch viel Wasser die Spree hinabfließen muss, um eine Träne aus ihm zu machen.

Aber dann gibt es noch diese Geschichte mit dem Fernsehturm. Auf den Fotos des RADIALSYSTEMS steht er schräg hinter diesem. Berlin-Mitte ist der Fluchtpunkt, man präsentiert sich als virulente Peripherie. Doch in Wirklichkeit steht der Fernsehturm so viel weiter westlich in der Stadt, dass man mit einem Bullauge fotografieren müsste, um ihn aufs Familienbild hinaufzuzwingen. VORSICHT, STUFE! Liebe RADIALMACHER, hier sprechen die Freunde: Vielfältigkeit birgt auch die Gefahr des Konzentrationsverlustes, Multifunktionalität kann in Beliebigkeit und Strategie in Insinuation übergehen.

Beim RADIALSYSTEM geht es ersichtlich um eine neue, subtilere Phase von Kooperation. Das ›einvernehmliche Gehorsam‹ besteht in dem Angebot, sich die Räume mit Wahlverwandten zu teilen, die dies menschlich sein mögen, fachlich aber weder sein können noch dürfen. Nichts ist damit über Integrität gesagt. Nur handelt es sich hier um Strukturen unterschiedlichster Betriebssysteme. Nein, beim RADIALSYSTEM muss niemand fürchten, dass die Kunst zur Auftragskunst verkomme. Der einmalige Vertrauensvorschuss aller Beteiligten hat dem vorgebaut. Aber plötzlich teilt man sich die Wohnung wie manches liebe Ehepaar nicht einmal die Zahncremetube und wird in Zukunft sehr sorgsam beobachten müssen, wer damit wem eine Dienstleistung erbringt. ...

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Fliege