BenennungJohanna Dombois |
Datum der letzten Änderung13.05.2022 10:56:39 |
© 2026 |
WerkstoffRegie|>Oper|>Neues Musiktheater |
Datum der letzten Ansicht16.10.2026 10:55:51 |
Blatt0001 |
<Abstract>
Setzt man sich mit den Musikdramen Richard Wagners auseinander, so wird bei genauerem Hinsehen klar, daß diese im mindesten so viele ›Nacht-Geweihte‹ wie ›Tagknechte‹ engagiert halten: Schläfer und Schlafsüchtige, Träumer und Visionäre, Somnambule und Halluzinanten jeder Couleur und Bestimmung, die die nach vorne stürzende Handlung arretieren und umleiten, um diese auf einer Metaebene fortzusetzen. Was zunächst episodisch erscheint, ist ein fundamental produktiver Widerspruch. Davon ausgehend, möchte die vorliegende Arbeit die vielfältigen dramaturgischen und ästhetischen Bedingungen freilegen, die Wagners szenischer Konzeption voranstanden. Sowohl die Materialfülle wie auch die Tatsache, daß dem dramaturgischen Schlafmotiv in Wagners Werk bislang keinerlei Würdigung zuteil wurde, ließen eine dreifache Argumentation sinnvoll erscheinen: Der Schlaf wird untersucht als Affekt in Wagners Biographie, als Metapher in Wagners Kunst- und Musikästhetik und als Allegorie in Wagners Festspieldramaturgie.
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit dem biographischen Szenarium. Hierbei gilt es zuerst, mit einem landläufigen Mißverständnis aufzuräumen. Wagners renitente Vorliebe für Schlafröcke und Diwandecken, für Hausjacken aus Eiderdaunen, für weiche, fließende Stoffe, dämmernde Zimmer und zeltartige Interieurs wurde bisher als Form eines unkontrollierten Luxusanspruchs begriffen. Es kann jedoch gezeigt werden, daß die Requisiten des Schlafs viel eher eine Aura der Künstlichkeit generierten, die Wagners Verständnis zufolge gleichbedeutend war mit einer Vorstufe seiner Kunstproduktion. Eingedenk dessen, daß Wagners physiologische Konstitution latent durch insomnische und neurasthenische Schübe erschüttert wurde, ging es nicht um Fetischismus, sondern um Stimulation. Der ›Stoffbegriff‹ wird in zweifacher Hinsicht bedeutsam. Die Textur der Kleidung muß als Auslöser jener Autosuggestion verstanden werden, aus der Wagner die Stoffe seines Werkes evolvierte.
Dem ersten Kapitel beigeordnet ist eine Auseinandersetzung mit Wagners Träumen. Dabei geht es nicht um Traumdeutung. Diese ist zwar in der Wagner-Forschung kultiviert worden. Ein tragfähiges Fundament aber ist dafür genaugenommen nicht vorhanden; das Wagnersche Traummaterial stand bislang nur unsortiert und ausschnitthaft zur Verfügung. Aus diesem Grund wird hiermit das erste Mal eine vollständige Kartierung der Wagnerschen Träume unternommen. Ein Register wird vorgelegt, das alle erreich- bzw. erkennbaren Träume Wagners aus den Quellen herausfiltert und chronologisch systematisiert. Ganz in diesem Sinne wird auch in weiterer Folge nur das Verfahren des Träumens bei Wagner untersucht, welches als ein Teil des Schlafmotivs erscheint. Zwischen diesem und jenem sind dramaturgische Interferenzmuster erkennbar, die konstitutiv werden für ein Werk, das zu Recht immer wieder als ›traumhaft‹ bezeichnet worden ist.
Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den ästhetischen Schriften Wagners. Die biographische Spannung zwischen dem Wachen, dem Schlafen und dem Träumen übersetzt sich in dessen Kunst- und Musiktheorie. Die Bilder einer Gesellschaft, deren ermüdende soziale und politische Machinationen nur mehr auf eine ›Erweckung‹ hoffen ließen, begegneten, wie belegt werden kann, der Vorstellung, daß der prototypische Künstler zu einem Träumenden werden solle, der ›ruhen‹ muß, um für alle zu erwachen. Schlaf und Traum können hier also dechiffriert werden als Ressourcen utopistischen Bildertreibens. In einer ausführlichen Analyse insbesondere der ›Beethoven‹-Festschrift von 1870, mit der Wagner den Traum im Schopenhauerschen Sinn als ein der Musik äquivalentes Phänomen vorstellt, wird gezeigt, daß Halbschlafmomente und somnambule Zwischenzustände als Antrieb eines höheren Erwachens begriffen wurden. In der Rezeptionsgeschichte freilich hat man gerade diese Wagnersche These zu Ungunsten ihres Urhebers überdehnt. Die andauernde Debatte darum, inwieweit Wagners Musik hypnotisch sei, schlägt sich los von der Annahme, daß Musik eine Heilkunst sein könne. Homöopathikum oder Narkotikum, Schlaf oder Tod, Rekonvaleszenz oder Dekadenz: Die Positionen werden vorgestellt, diskutiert und eingeordnet.
Das dritte und letzte Kapitel ist der Festspieldramaturgie gewidmet, mit der Wagner seine Theorien selbst in die Praxis überführt hat. Bayreuth, die Apotheose, wurde zur ersten Traumfabrik. Künstliche Verdunklungen und nächtliche Illuminationen, Dämmerungssehen im Zuschauerraum, der Halbschlaf des Publikums, aus dem die ›Wahrträume‹ freigesetzt werden sollten – Wagner inszeniert das Inszenieren und delegiert die dramaturgische Spannung ins Parkett. Der Zuschauer soll dabei zum Künstler, der Konsument zum Ko-Produzenten werden. Detailliert wird deshalb an dieser Stelle das Bild des Auges besprochen, das sich verschließen muß, um jene ›musischen‹ Bilder projizieren zu können, die das Musikdrama erst auf den Plan rufen. Die Protagonisten der Wagnerschen Werke erscheinen als energetische Manifestationen der Träume. Schlaf, das vergessene Motiv, wird zum Katalysator der Kunst.