BenennungJohanna Dombois |
Datum der letzten Änderung13.05.2022 10:56:40 |
© 2026 |
WerkstoffRegie|>Oper|>Neues Musiktheater |
Datum der letzten Ansicht29.08.2026 06:08:54 |
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John Cage hat es so formuliert: »Are we an audience for computer art? The answer's not No; it's Yes.« Was er damit meinte, liegt auf der Hand. Technik umgibt uns, die Rechner regulieren den Alltag. Kaum jemand noch, der behaupten könnte, sein Leben sei ohne Computertechnologie koordinierbar. Selbst diejenigen, die versuchen, sich den maschinellen Steuerungsmechanismen zu entziehen, sind erfaßt: bei der Finanzbehörde, beim Arzt, im Zug, im Zimmer wie im Äther. Nicht mehr das Mitmachen oder Verweigern ist entscheidend – die Dichotomie allein ist ein nur mehr rührender Wiederaufguß von Protestgebärden, denen jeder Fluchtpunkt fehlt. Entscheidend ist, daß sich die schockartige Verdichtung unserer technologischen Bezugssysteme kontinuierlich einarbeitet in die Struktur von Psychologie und Physiologie und in das Spiel der Sinne, das auch eines der Täuschungen sein kann.
Vor diesem Hintergrund scheint es ein evolutionärer Fehler im Programm zu sein, daß wir unsere ›intelligenten‹ Maschinen immer weniger verstehen. Unser Rüstzeug entzieht sich uns mit genau dem Beschleunigungsfaktor, mit dem wir uns ihm gern entziehen würden, wenn wir noch könnten. Die Folge ist ein neues Aussteigertum: Rühr mich nicht an, dann nehme ich Dich nicht wahr. Aber natürlich ist bereits die Losung ›Zurück zur Natur‹ in sich eine Emission des ungehemmten Fortschritts.
Ähnliches gilt für das Menschenbild auf unseren Bühnen. Denn eine Kluft ist auch hier aufgerissen zwischen der Entwicklung neuer Apparaturen und der alten Gewohnheit, die Bühnentechnik in jener Starre zu belassen, die sie immer wieder nur als Hilfsmittel kaschiert, anstatt sie – bewußt – als Stilmittel zu aktivieren. Was wir dadurch in der Oper zu sehen bekommen ist kernlose Nostalgie, maschinelle Folklore gewissermaßen, die zwar backstage durch überkomplexe Technik angetrieben wird, sich jedoch frontstage nimmer als solche zu erkennen gibt. Die technomorphen Zurüstungen, die in den letzten Jahren gerade auch die Opernbühnen erfaßt haben, bleiben undurchdrungen, insofern sie ästhetisch keine Spuren hinterlassen. Ein Reformstau. Zu oft scheint die Arbeit an der szenischen Realisierung abgespalten von den Erfahrungen mit der Realität, geradewegs als wäre der Stand unserer Technik plötzlich unvereinbar mit der Art unseres Vergnügens.
Gewiß, fürwitzige Produktionen zeigen den Computer in einer Verdi-Oper, bei Wagner das Handy, das Auto bei Mozart, im Publikum hört man, ach, das ist modern inszeniert, da sind Videos. Doch die Videokunst ist längst in die Jahre gekommen, im Schnittstellenvergleich bietet jedes Nokia heute mehr; was man salopp ›die Moderne‹ nennt, ist schon definitorisch ein Phänomen der Vergangenheit. Will sagen, auf unseren Opernbühnen bleibt die Technik platterdings dekorativ – eine Blindverpackung – und folglich nicht angemessen kompliziert. Der Computer bleibt »doof« (Spliff) ohne Strom. Und wir bleiben hängen zwischen Fortschrittsglauben und Geschwindigkeitsangst – eine lebensunmögliche Lage. Denn wieder haben wir uns abgeschnitten von dem Angebot der Kunst, die Prinzipien auszuloten, nach denen sich unser Alltag organisiert.
Dabei, wollten wir denn nicht mündige Zuschauer sein, die Oper nicht ein Marktflecken der Utopie? Sicher. Das Gesetz der Paradoxie will jedoch, daß ausgerechnet die Sehnsucht nach einer ›besseren Welt‹, d.h. das Heimweh, dieser eine institutionelle Gestalt zu geben, aus dem klassischen Musiktheater über kurz oder lang ein museales Endprodukt machen wird: die Finissage des »unmöglichen Kunstwerks« (Oscar Bie). Dringend gilt es von daher argumentieren lernen mit jenen Vokabularien und Medien, die sich den eingeschnurten Maßstäben von Poesie zunächst einmal verschließen. Nötig scheint eine Art produktive Widerspenstigkeit gegenüber unseren technischen Milieus, verbunden mit der unermüdlichen Festigkeit, die eigene Zeit darin zu behaupten. Notabene: Es hat Beethovens IX. Symphonie nicht schlechter gemacht, daß sie anno 1980 im Zuge der Entwicklung von Compact Discs als Richtmaß für die Spieldauer von Sony-CDs benutzt wurde. Im Gegenteil. Die 74 Minuten der Einspielung von Furtwängler aus dem Jahr 1951, die die bis dahin längste Aufnahme darstellte, entsprechen seither exakt den 12cm Durchmesser aller CDs des Welthandels. Zwei ›Klassiker‹ haben sich gegenseitig zum neuesten Stand verholfen.
Vor diesem Hintergrund ist auch die virtuelle Oper ›Fidelio, 21. Jahrhundert‹ ein Versuch den Beweis anzutreten, daß weder ein technischer Bezug noch die Anwesenheit von Bits & Bytes automatisch Entzauberung oder gar Untreue gegenüber einem historischen Werk bedeuten müssen. ...
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