BenennungJohanna Dombois |
Datum der letzten Änderung13.05.2022 10:56:40 |
© 2026 |
WerkstoffRegie|>Oper|>Neues Musiktheater |
Datum der letzten Ansicht30.08.2026 07:21:50 |
Blatt0001 |
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Zum einen liegt seit Sommer 2006 der fünfte und letzte Band jenes Opus summum zur Geschichte des Musiktheaters vor, das Schreiber 18 Jahre zuvor mit einer Faustskizze begonnen hatte und das 2007 von der Redaktion der ›Opernwelt‹ mit allem Recht zum Buch des Jahres inthronisiert wurde. In seiner heutigen Form ist das Werk ein Masterplan, ein Obelisk, zweifelsohne der K2 unter den Opernführern. Es liefert sowohl ein Panorama dessen, was Oper ist, als auch eines dessen, was Oper sein kann. Schreiber, der in seinem jüngsten Vorwort mit typisch gemessener Verve bereits auf das Echo reagiert, das sein Buch bisher erfahren hat, sagt, es stimme ihn »positiv für die Zukunft« (V, 17) – erschütternd ungerecht daran ist allein, daß ihm eine Krebserkrankung verwehrt hat, selbst an dieser Zukunft noch teilzuhaben.
Die Rückseite der Heldenanordnung liegt naturgemäß im Schatten. Es gibt einen Alltag mit der Devotionalie, und erst mit dem vermehrten Gebrauch des Buches wird allmählich entzifferbar, daß Schreibers Detailliebe, die zur Detailleidenschaft, gar zur Obsession und Eskapade tendiert, über den Seitensprüngen fast die Hauptsache zu vergessen droht.
Zunächst erscheint gewiß auch der neueste Foliant2 substantiell wie alle Bände zuvor: durchkomponiert, unabgelenkt von Nacherzählungen ohne Wertung, Schmuckzitaten mit zuviel Gefühl oder vom Ironievorbehalt der Feuilletonprosa. Wieder liefert Schreiber durch die Brechungswinkel der Operngeschichte gleichfalls eine Kultur-, Mentalitäts- und Sozialgeschichte. Wieder gibt es eine Fülle topographisch verschalteter Einzelwerkbesprechungen, daneben reiche Quellenverweise, Glossare, Werk- und Personenregister. Auch kommt Schreibers stilistische Präzision abermals ohne lexikalische Verengung aus – seines Zeichens ist die Parallelaktion von Essayismus und Enzyklopädismus. Bemerkenswert am fünften Band, der im eigentlichen den dritten von drei Teilbänden ausschließlich zum Musiktheater des 20. Jahrhunderts darstellt, daß er ein Buch im Buch komplettiert. Gemeinsam mit III.1 und III.2 macht er knapp zwei Drittel (2191 S.) des gesamten Œuvres aus (3737 S.) und widmet sich damit dreifach so gründlich dem eigenen Äon vor den vergangenen. Man muß allemal dies ungewöhnlich nennen, denn zumeist verhält es sich umgekehrt. Wie wenige Titel der Markt in toto zur zeitgenössischen Oper bereitstellt, wäre ein Beleg dafür. Die Kenntnis der Gegenwart wird zwar von Tagesinfos überflutet und letztere verleiten dazu, erstere überzubewerten. Eine echte Analyse aber war noch stets Sache der Zukunft. Schreibers Exegetenkunst indes macht aus dem Jetzt vorübergehend ein Gestern, damit uns morgen deutlich sein kann, was heute war, und so findet er wissenschaftlich immer wieder zu einem Fokus, der wie von selbst mit dem Streuungsgrad seiner Interessen mitwächst.
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Um so befremdlicher nun, daß Schreibers Unternehmung in einem bestimmten Revier selbst schockierend provinziell geblieben ist. Es geht um eine Auslassung, und diese Auslassung ist so grundstürzend, daß man zunächst an sich selber zweifelt, die Augen reibt, ob einem wohl etwas entgangen sei. Schließlich müßte man Dinge beanstanden, die gar nicht da sind – eine utopische Angelegenheit. Doch zwei volle Jahre mit dem Schreiber bringen Gewißheit, daß man die Kluft im Grunde nur vor lauter Kahlschlag nicht gesehen hat. Es ist denn auch nicht mangelnde Konzentration, die das Buch punktuell durchlöchert hat, es ist eine Auslassung aus Ideologie: Ulrich Schreiber hat eine Geschichte des Musiktheaters verfaßt, ohne das Theater in irgendeiner anderen Weise als der illustrativen oder organisatorischen zu berücksichtigen. Interpretation und Interpretationsgeschichte sind bis auf statistische Angaben strukturell ausgeklammert. Für die Oper wird ein Werkbegriff insinuiert, der ohne Aufführungen auskommt. – Dazu ist viel zu sagen. ...
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2 Ulrich Schreiber, Opernführer für Fortgeschrittene, Band V. Die Geschichte des Musiktheaters. Das 20. Jahrhundert III.3: Ost- und Nordeuropa, Nebenstränge am Hauptweg, Interkontinentale Verbreitung, Kassel 2006: Bärenreiter (Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg).