Benennung

Johanna Dombois

Datum der letzten Änderung

13.05.2022 10:56:40

©

2026

Werkstoff

Regie|>Oper|>Neues Musiktheater

Datum der letzten Ansicht

29.08.2026 06:08:21

Blatt

0002

02 02

Leseprobe:

Johanna Dombois: Master Voices: Opernstimmen im Virtuellen Raum. Fidelio, 21. Jahrhundert. In: Doris Kolesch/ Vito Pinto/ Jenny Schrödl (Hrsg.): Stimm-Welten. Philosophische, medientheoretische und ästhetische Perspektiven. Transcript Verlag. Bielefeld 2009, S. 127-142.

...

Vor ein paar Jahren gab es in einem Schweizer Volkskundemuseum ein Diorama zu sehen, in dem eine Sammlung ausgestopfter Vögel vor dem Prospekt verschiedener heimatlicher Biotope arrangiert war. Wie an allen Orten dieser Welt, wo solche Holden-Caulfield-Szenarien noch zu finden sind, ging man auch hier zuerst einmal auf die Knie: Halb sentimental, halb phlegmatisch nahm man hin, dass die Leinwand im Schaukasten wieder bei der hintersten Steppe Falten zog, dass die Farbe des Himmels auf drei Metern zwischen Babyblau und Manganschwarz changierte, weil fünf Klimazonen untergebracht werden mussten, dass Taxidermie kritisch zu nehmen wäre und der im Vordergrund lässig hingestreute Reisighaufen seit Dezennien nicht bewegt worden war. Was man sah, war das, was man schon immer in Wunderkammern und Märchenwäldern gesehen hatte: Ein Vexierbild, dessen Lebensfülle ausgerechnet aus dem Unlebendigen evolviert.

Warum ich all das auf den Plan rufe, hat mit einem Bonus zu tun, den das Schweizer Modell zu bieten hatte. Neben der Vitrine ließ sich nämlich ein Knopf betätigen. Aber kein Vorhang riss auf, keine Licht-Show sprang an, kein evolutionärer Progress brach los auf Abruf durch Laser-Zapping. Statt dessen wurde man Zeuge zunächst eines amplitudenreichen Rauschens (Cassettendeck) und dann rücklings hineingerissen in ein akustisches Ambiente aus Geräuschen und Klängen: Pfeifende, trillernde, zirpende, zeternde, quinkelierende Vogelstimmen, die, wie sich nun vermuten ließ, genau jener Seen-, Wald- und Berglandschaft und vor allem jenen Tierexponaten zugehörig zu sein schienen, die hinter der Etalage ausgestellt waren. Unstrittig ist, dass auch die Natur sich durch Klangmilieus definiert. Das Merkwürdige im vorliegenden Fall war nur: Ersteres, die Vogelstimmen, waren dynamisch, letzteres, die Vogelkörper, statisch. Das heißt, die Schalleffekte in unserem Schaukasten waren mobil organisiert und wirkten deshalb räumlich, die Schallerzeuger hingegen auf den Fleck gebannt. Der Widersinn, den ich eingangs geschildert habe, wurde umso evidenter. Zwischen akustischer und visueller Installation lag eine mediale Diskrepanz, die bestürzender nicht sein konnte, war man erst einmal auf sie aufmerksam geworden. Ein wenig kam man sich vor wie in der Geisterbahn. Die Vogelstimmen bewegten sich in der Zeit, die Vögel selbst repräsentierten nur eine mumifizierte Momentaufnahme.

Das Tableau, das keines sein wollte, war im Grunde autoritativ experimentell, selbst wenn dies nicht im Sinne des Erfinders gewesen sein mag. War es jedoch ein Experiment, dann ist es auch umkehrbar, zumindest hypothetisch. Denn was entstünde wohl, wenn man die statischen gegen die dynamischen Elemente vertauschen würde? Man stelle sich ein Freigehege für Vögel vor, in dem sich die Tiere (fast) schrankenlos bewegen können. Parallel dazu aber bleibt jede lautliche Artikulation auf einen einzigen Punkt fixiert, der Gesang fliegt nicht mit. Hier Härte, dort Elastizität, hier akustische Indolenz, dort visuelle Formbarkeit. Die Anordnung ist nicht minder seltsam als ihr Gegenteil und entspricht – und damit komme ich geradewegs ins Zentrum dessen, von dem auch im Folgenden die Rede sein soll – genau jenen Voraussetzungen, mit denen man konfrontiert wird, wenn man Opernstimmen im virtuellen Raum inszenieren will.

Um was geht es? Konkret um eine meiner Inszenierungen, ›Fidelio, 21. Jahrhundert‹, eine Produktion, die zwischen 2001 und 2004 auf der Grundlage einer Zusammenarbeit zwischen dem Beethoven-Haus Bonn und dem Fraunhofer Institut für Medienkommunikation IMK entstanden ist und kraft derer ein Standardwerk der Opernliteratur durchgängig mittels Neuer Medien interpretiert wurde.

...

Fliege