Benennung

Johanna Dombois

Datum der letzten Änderung

13.05.2022 10:56:40

©

2026

Werkstoff

Regie|>Oper|>Neues Musiktheater

Datum der letzten Ansicht

30.08.2026 07:22:06

Blatt

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Leseprobe:

Johanna Dombois: o.T. [Blogkommentar zu Laurent Chétouanes Inszenierung von Dantons Tod (Georg Büchner) am Schauspiel Köln].
In: http://www.schauspielkoeln.de/stueck.php?ID=226&tID=1613. 11.02.2010, 13:22 MEZ.

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Was mich aber zutiefst schockiert hat ... ist der Querschnitt durch die Publikumsmeinung ... Denn schockierend ist, dass offenbar überhaupt kein Konsenswissen mehr dafür besteht, was Theater überhaupt ist. Es scheint schlichtweg Unwissenheit darüber zu herrschen, dass ein Theaterstück oder auch eine Oper im Kern nicht identisch sind mit dem Textbuch oder der Partitur. Theater ist ein lebendes Kunstwerk. Das heisst, die Werke sind nicht nur zufällig für eine Bühne geschrieben, sondern kommen im eigentlichen erst in der szenischen Interpretation zu sich, ja ich würde fast sagen, sie sind diese Interpretation (und das Grossartige an Büchner ist nicht zuletzt, dass das Stück, das er für eine Bühne avisiert hat, auch noch als Text so gut funktioniert.) Nicht alles nämlich, was auf der Bühne erzeugt werden soll, ist notiert. Und wie auch. Licht, Deklamation, Gestus, Mimik sind nicht notierbar. Und gehören doch zweifelsohne zu Büchners Kosmos dazu. Man kann also zum Beispiel eine einzelnes Wort im Textbuch nachlesen, man kann seine Buchstabenabfolge beweisen, wenn man muss. Der Klang aber, der durch durch dieses Wort in den Raum hineinspielt, ist niemals notier- und nachweisbar. Und dennoch eben – notwendig – existent, sobald ein Schauspieler seine Zunge bewegt. Werktreu wäre nun nicht, was man als Regisseur als Meinung zu diesem einzelnen Wort entwickelt und wo genau es im Archiv steht, sondern was man – zur Deutung gezwungen – mit dem Klang macht, der mit ihm in Vernetzung mit anderen Wörtern und Klängen assoziiert wird.

Kurz, viele der Zuschauer scheinen Panik zu empfinden, sobald etwas nicht so ist, wie sie es aus dem Textbuch kennen. Wie gehabt, das Textbuch aber ist gar nicht das Stück. Es scheint sich da also irgendwo in unseren historischen Ritzen ein seltsamer Zwang entwickelt zu haben, Theater als etwas zu begreifen, wo von 20.00 – 21.30h die Inhaltsangaben unserer Klassiker nacherzählt werden. Ein Zwang, der eine tiefe Angst spiegelt vor dem Unwägbaren, dem Unverhofften, der echten Überraschung. Je tiefer, desto mehr Phrasen die Kulturindustrie für uns in der Sache bereithält. Und schockieren tut mich das so, weil ich während ›Dantons Tod‹ dachte, dass a) seit der Entstehung des Stücks doch eigentlich 175 Jahre Zeit genug gewesen sein müssten, sich mit dem Plot des Stücks vertraut zu machen und b) dass das Theater vielleicht schon längst tot ist – in den Köpfen derer, die allabendlich zum Endverbrauch kommen und Entspannung suchen, wo Anstrengung gefragt ist. Irgendwie wird das Theater nicht abgeschafft, wir schaffen es selbst ab. Am Ende ist dafür nicht einmal mehr die Unterschrift eines Kulturpolitikers nötig. Was aber bleibt uns, wenn wir nicht anders aus dem Theater hinauskommen als wir hineingegangen sind. – Dann sind wir, vraiment, unpolitische Menschen geworden. Es wird einem bang ums Herz. So bang eben, wie eine Zeile von Büchner nur bang sein kann.

Johanna Dombois