Benennung

Johanna Dombois

Datum der letzten Änderung

13.05.2022 10:56:40

©

2026

Werkstoff

Regie|>Oper|>Neues Musiktheater

Datum der letzten Ansicht

29.08.2026 05:02:07

Blatt

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Leseprobe:

Johanna Dombois: Wut-Triptychon. Nachrichten aus dem west-östlichen Stiftungswahn. In: Ein Schreibtisch in İstanbul. Lesung und Werkstattgespräch mit Marie T. Martin, Swantje Lichtenstein und Johanna Dombois. Literaturhaus Köln. 17.04.2012, 20h.

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Rechte Tafel: Die Schreibtischlampe

İstanbul, 2011, 348. Tag

Am Ende habe ich eine Umfrage gemacht. Die Vogelscheuche des Taubenzüchters auf dem Dach gegenüber hatte schon eine Jacke an. Es war hohe Zeit, das Jahr spätgeworden. Und 's war doch kein Schnee, der leicht, so leicht auf uns herabfiel, sondern versprengte Dämmwolle von einem Kontorbrand um die Ecke, aber es hätte Schnee sein können, und da wollt' ich halt auch noch mal in den Genuß von Ergebnissen kommen. Was, fragte ich 10 fachfremde Personen, die ich für vorurteilslos genug hielt, wären die 10 wichtigsten Dinge, die Sie einem Autor, den Sie fördern wollen, in ein Atelier stellen würden? – Von 10 stimmten 10 binnen weniger Tage überein, daß unter den ersten 4 Objekten, die anzuschaffen wären, »1 Schreibtischlampe« sein sollte. 100% derer Leute, die ich befragte, gaben an, ein Autor brauche anständiges Licht. Das freut die Zunft. Es ist goldrichtig.

Nun ist Ironie zwar ein verläßliches Mittel zur Wutabfuhr. Doch sie rettet die Realität nicht vor sich selbst. So goldrichtig, so beinhart. Ich bin, ich hatte das bisher noch nicht derart verlebendigt, Autorin/ Regisseurin, zur Zeit Stipendiatin einer deutschen Fördereinrichtung in der Türkei, Sparte Literatur, und ich bin realiter ohne Schreibtischlampe. Jüngst war noch Sommer, da fiel das nicht so auf. Wir sind hier Levante, Sonne, Marmarasee. Jetzt aber ist Spätherbst, und sogar in İstanbul werden die Tage kürzer. Falls man es nicht sieht, hört man es an der zunehmenden Gedrängtheit der fünf täglichen Müezzinrufe. Die Arbeitsspanne indes bleibt gleich lang. Marie Antoinette paraphrasierend – »Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen fressen!« – habe ich mir darum erstmal mit der Nachttischlampe beholfen.

Es ist fürwahr keine schlechte Nachttischlampe, Design-Standard, Hotelpension 4 Sterne, eierschalenfarben, unterarmhoch, der Fuß nicht massiv, aber breit genug und nach oben hin auskragend, so daß einem Schirmchen aus gefalztem Hartplastik ein Rand geboten wird, dem es aufsitzen kann. Glühbirne allerdings nur indirekt zu sehen. Erstes Problem. Das Licht wird vom Lampenschirm umhegt wie die Streichholzflamme von der Hand bei Wind. Dadurch kommt der Weichzeichnereffekt zustande. Es ist wie gehabt keine schlechte Nachttischlampe, aber eine Nachttischlampe gleichwohl, und Weichzeichner interessiert mich weder künstlerisch noch ophthalmologisch. Weichzeichner gibt kein Licht, sondern schlechtes Licht. Darum habe ich versucht, die Nachttischlampe auseinanderzunehmen, ohne sie kaputtzumachen. Das aber kann man auch wieder nicht gebrauchen. Die mit 100 W herausschießende Energie ist zu hell, weil sie die Dämpfungsfunktion des umspannenden Schirms notwendig mitkalkuliert. Mein Gott, sind Künstler genau. Aber schon der junge Bach soll sich die Augen verdorben haben, weil er bei Mondlicht das Lehrbuch von Buxtehude studiert hat. Man muß so aufpassen. Mondlicht ist ähnlich wie 100 W ohne Schirmchen zu scharf für eine menschliche Iris, die arbeiten will. Ich bräuchte eben wirklich eine Schreibtischlampe. Übrigens, ad naturam: Durch den Ventilator meiner Duschzelle wächst von draußen der Trieb einer Rankpflanze herein, die man an der Außenmauer des Atelierhauses gesetzt hat, um diese ansehnlicher zu machen. Ich nähre das Zweiglein, was nicht schwer ist, Nässe genug ist da. Es ist überbordend in seinem Bemühen, das Vergebliche zu erreichen – Licht. Eine Schreibtischlampe könnte ich freilich noch besser gebrauchen. Masa lambası.

Mit diesem Herzenswunsch ging ich alsbald und nicht nur so vor mich hin zu der Wohnungsagentur, die meiner Stiftung assoziiert ist, vor Ort für die Stipendiaten verwalterische Aufgaben mitbetreut und bat dort um, – na Sie wissen schon. Man schrieb es sich auf, zweisprachig. Man sagte mir, man werde mich benachrichtigen, sobald eine Schreibtischlampe im Depot gefunden sei. Man benachrichtigte mich nicht, auch nicht mit einem Negativbescheid. Ich wiederholte meine Bitte. Die Nichtbenachrichtigung wiederholte sich auch. Ich fragte ein drittes Mal. Nun war die Antwort, ich solle mir selbst eine kaufen, in Karaköy bei der Unterführung gäbe es reichlich Schreibtischlampen und sogar recht billige. Das war nicht böse gemeint. Aber unpassend fand ich es schon. Ich wollte eigentlich ein Buch schreiben. Das Buch muß fertig werden. Ich habe einen Vertrag unterzeichnet bei einem Verlag, der größer ist als die Stiftung, durch die ich gefördert werde, und ich bin gerne vertragstreu. Die Unterführung liegt nicht weit. Passend auch, durch einen Tunnel hindurch zu müssen, um für Erhellung zu sorgen. Ich kann das mitdenken und schönreden. Meine Küchenzeile habe ich bereits so aufgeforstet. Aber für die Sicherstellung jener Ressourcen, die mir helfen sollen, mein Buch abzufassen, fühlt man sich durch all das im Grunde in eine solch unverhältnismäßige Vorleistung getrieben, daß ich mich mittlerweile zu sagen getraue, es kostet mich zu viel von Allem, mir für so weniges die Hacken abzulaufen.

Jaaa, neulich erzählte mir ein Mann aus Delphi, der es wissen muß, daß Oliven, die kein Wasser bekämen, am Schluß die schmackhaftesten sein werden. Gilt das auch für Menschen? Mit Problemen auf Arbeit? Ich bin so frei, jeglicher Metaphernkunst dermaßen entwöhnt, ich reagiere neuerdings so direkt. Was das überhaupt soll! Mich derart auf die Probe zu stellen. Sprich – Sibel, Mutter vom Fels! Mein Lebensthema sind Medien, neue und neueste, und fachübergreifend. Daß ich mich jetzt unterkomplex an einer Schreibtischlampe abarbeiten muß, fällt nicht in mein Hoheitsgebiet. Mit ihrem Füßchen, Krägelchen und Schirmchen ist sie definitiv ein altes bis uraltes Medium und wirft mich um Welten zurück. Bon. Sachgemäß werde mein Vorgang sowieso bei der Stiftungsleitung zuhause in Deutschland verhandelt. Sprach's, O-Ton Agentur. Dorthin solle ich meine Wünsche richten. Rückfrage: Wer würde das tun? Soll ich Frau Irrsal in NRW um eine Schreibtischlampe in İstanbul, europäische Seite, 1. Stock ersuchen? Ich bitte Sie, das mutet man sich und anderen nicht zu. Ich habe wenig Lust, mich selbst zum Erbsenzähler zu demontieren, nur damit die, die's wirklich sind, mir das später vorwerfen können.

Mit ausblutender Energie schrieb ich schließlich an den Chef der Agentur, welche für sich selbst mit dem Slogan »İstanbul-Perspectives – What a view!« wirbt. Ich entschuldigte mich für die Petitesse, mit der ich anrückte, es sei fast ein wenig peinlich, aber ich bräuchte eine Lampe nicht zuletzt zum Gucken, es gäbe hier keine. Die Palmtaube, die seit einiger Zeit über meine Terrasse ins Zimmer hereinspaziert, setzt sich auch auf meine Klaviertastatur, ohne einen Ton zu erzeugen. Wieso nicht ebenso leichtfüßig eine Schreibtischlampe auf mein Pult? Der Chef versprach, mir eine zu organisieren. Das freute mich. Heute allerdings war noch nix. Warum eigentlich ›organisieren‹? Als hätte ich Marihuana für meine Kunst nötig. Auch wieder so ein Weichzeichnereffekt. Ich entsann mich früherer Hinweise von anderer Stelle, ich könne doch auf die Prinzeninseln fahren oder ins Café gehen, wenn die Schwierigkeiten im Atelier zu groß würden. Ich fühle mich aufs Inspirationhaben reduziert. Und sage es deshalb einfach mal so, wie es wirkt: Das Prinzip Schreibtischlampe ist assoziiert mit Licht, hell, Aufklärung, Kant, »Lampe vergessen!«. Und fehlt das Licht, fehlt die Vernunft. Die fehlende Leuchte steht insofern für all die Dinge, die es hier ebenso wenig gibt. Zum Beispiel fand ich keinen Schreibtisch vor, als ich kam. Es gab nur einen Küchentisch. Armer Poet. Daß ich des weiteren an einem Küchenstuhl sitze, macht mir persönlich nichts aus. Man will auch nicht kleinlich werden. Allerdings hat jeder Parkwächter heute einen rückenschonenden Sitz, und die Gichtschübe haben schon zugenommen, irgendwo muß das Defizit hin.

Wie steht's mit Drucker, Internetzugang, Heizung, Wasser? Aber ja, buyurun, alles Objektwünsche, die auch in der Umfrageliste auftauchten und durchaus meinem persönlichen Begehr entsprechen. Bravo, famos, klug ausgedacht. Bloß bei uns nicht immer zu haben. Drucker nein, gar nicht. Selber kaufen. Wärme-, Wasser- und Stromzufuhr starken Schwankungen unterworfen. Redaktions- und Probensitzungen muß man schon mal sausen lassen können, weil Skype abstürzt, wenn sich das Internet ausklinkt. Geht der Strom nicht, versagt auch das Warmwasser. Versagt das Wasser, kann mein Nottrieb im Bad nicht weiterwachsen. Na, dann glotzen wir halt ein bißchen romantisch. Wolldecke – Wärmflasche – Papier – Tinte – Feder nebst Kiel – – ahhhhh, Literatur! So schnell kann das gehen. Ein wenig Defekt da, ein wenig Irrfahrt dort – Odýsseia!? – das ist doch die hübsche Reise rund ums Mittelmeer! – und fertig ist das Werk. Eigentlicher Sargnagel ist sowieso die Baustelle linkerhand des Atelierhauses. Niemand kann etwas dafür, doch tobt es tags wie nachts seit zwei Jahren. Es gibt Bauaufsichten, aber in unserem Fall scheint die infragekommende bestechlich. In der Wolfsstunde morgens um 4 rollen Laster heran, es wird entladen, gekreissägt und geschlagbohrt. Es ist Gentrifizierung, entfesselter Kapitalismus, nach wie vor kein Dach, und bei uns klaut man die Bretter, Miethaientum, vom Rohbau in die Ruine, diesertags schifft es hinein, İstanbul sei »spannend«, sagen die Leute, ich finde andere Beschreibungen wären exakter, aber mir fehlen im Moment dafür die Worte. Autoren sind Menschen, denen das Schreiben schwerfällt. Gäbe es eine Lampe, ließen sich die Dinge wenigstens beleuchten. Aber dafür hat man ja uns, die »hellen Köpfe«, die Zwielichtiges als literarische Herausforderung begreifen und angestellt sind, Exempel zu setzen, Augen, Ohren und Münder aufzusperren und alle Schleusen zu öffnen, um eine Stadt zu inhalieren, deren Abseiten gerade »das Spannende« ausmachen. Sagen die Leut'. Schon mal im Zimmer gesessen, wenn Risse in die Wand hineinfahren durch den Unterdruck der Maschinen nebenan? Na immerhin hat's damit meinem neuen Mitbewohner, dem Schimmelpilz, die Sporen abrasiert. Krach ist doch gut für etwas, siehste. Indes die Stiftung wies mich an, gegen die Feuchtigkeit anzuheizen. In Berlin wurden früher um so etwas sonst nur die Asylanten gebeten. In der DDR die Frischvermählten. Ich erinnere, auch Fontane hat trockengewohnt. Womöglich sollte ich stolz darauf sein. Wäre dann bloß die Frage, auf welche dieser historischen Nachbarschaften. Und weiter darf man darüber sinnieren, wie das gehen soll, offen zu sein, solange der Kopf von Ohrstöpseln zu ist. Die Lauscherchen zu versiegeln kommt bei mir einem Ausschluß aus der Berufsfähigkeit gleich. Damit allerdings, finden Sie nicht, wäre die Umkehrung dessen erreicht, was einem durch die Förderung hätte zuteil werden sollen. Ob ich im Ausland nicht – – – und dann zogen sie ihren bleichen Joker von wegen »eigenem Risiko« und »spontane Bereitschaft für« etc.

Ich bin müde. Mein Einwurf, daß ein Stipendium einst Garant für risikofreie Zeiten war, verschwindet im Nebel der Begriffe, die ich so genau nun auch wieder nicht nehmen soll. Machen Sie als Autor ihre Arbeit. Tu ich. Ich kümmere mich um das Zutreffen von Wörtern. Und würde drum auch so gern statt immer neuer Einschätzungsberichte und Deadlinefeedbacks an die, die mich unterstützen, einfach mal einen Text für mich selber schreiben. Es kommt die Mitternacht. Mit ihr der Neumond. Also nichts. Duster. Die Natur ist auch nicht immer spontan.

Dann doch Café, doch Prinzeninseln? Dort könnte ich hinter geheimnisvolle Samtvorhänge (immer ›rotgolden‹) lugen oder hehr durch Pinienwälder (immer ›sturmzersaust‹) streifen auf der Suche nach Antworten (›das Lied in den Dingen‹). Welches Bild vom Künstlerdasein wird eigentlich so herumkolportiert? Was denken die Ausschüsse, tadelloses Wort, was wir tun? An Rosen schnuppern? Den Handrücken (leicht abgewinkelt) an eine trotz Mittelmeerklima immer weiße Stirne legen, um ein Werk zu ventilieren, das zwischen Inspiration und Bankkonto keinen Schweiß kennt? Pythisch sprechen und wild leben? Ach, das wollen die doch, die Auseinandersetzung mit dem Abenteuer, Lust, Eventualitäten, Sein! Schon, aber nicht ohne Schreibtischlampe.

Ich weiß, es werden Zuschriften kommen, die Recht haben, wenn sie sagen, so ist es bei uns nicht. Dem stimme ich zu. Und bin dankbar darum. Allein nicht alle hätten das Recht, Zuschriften zu machen. Auch ist im Fundus der Tragikkomödie die Schreibtischlampe letztlich ein austauschbares Requisit, Mangel ein erfinderischer Gesell. Der Sachverhalt aber, daß Künstler im Rahmen einer Kunstförderung an ihrem Duldungskoeffizienten gemessen werden, erzeugt nicht eben einen Schaffensrausch. ›Kunst-Traum!‹ wird zu: ›Kunst? – Kaum.‹, wenn Geförderte aus Fehlern im System Sinn schlagen müssen, bevor sie sich um sich selber kümmern dürfen, was die Aufgabenstellung war. Hat schon 'n Ticken Marxscher Stichhaltigkeit: Aus Arbeitnehmern werden Arbeitgeber, aus Förderern Geförderte.

Apropos. Ich hatte es eingangs mit einer Umfrage probiert. Man sprach mir zu, ich wurde mutig. Abschließend probiere ich es mit einem Spendenaufruf. Er ist ernst gemeint, ich brauche sie wirklich (dies unter Zuhilfenahme einer Ikonenkerze schreibend, Brennstoff Maisöl): Wer etwas für Bücher übrig und/ oder hinreichend Mitempfinden hat für die, die sie verfertigen, übersende bitte eine Schreibtischlampe, ob ausgedient, ob modisch verkannt, egal, oder den verwertbaren Teil einer solchen oder einen Beitrag zum Erwerb des einen oder anderen an: Tartaros İstanbul, Turkiye, gleich links vom Gurkenmann beim Galata-Turm Treppe runter. Wir bedanken uns – pluralis majestatis jetzt. Uns ist feierlich zumute. Schnee möge kommen. Ein Spendenbeleg kann ausgestellt werden. Bei der Abfassung der Formelverse werden wir uns Mühe geben. Als Autoren waren wir angetreten. Und der Schnee kam. Und Autoren müssen wir bleiben. Es ist genug. Allez enfants. Wo Schnecken waren, werden Tauben sein.

Die Verfasserin dankt der Kunststiftung NRW, die diesen Text ermöglicht hat.